Der fünfte Stern

 

Es war Mitte September und die Wale hielten sich noch vor der Nordwestküste Südamerikas auf. Mehr als drei Monate war es her, dass die Buckelwale der südlichen Halbkugel in diesen Breiten eingetroffen waren, um dem arktischen Winter zu entgehen und sich in den warmen Gewässern der Tropen in Ruhe fortzupflanzen. Doch die Temperaturveränderung und ihr eigener Instinkt sagten den Walen schließlich wie schon seit Tausenden von Jahren, dass es Zeit war, in die arktischen Gewässer zurückzukehren, wo sie den kostbaren Krill finden würden, der ihre Lieblingsnahrung war.

Die ersten, die sich gen Süden aufmachten, waren wie jedes Jahr die gerade trächtig gewordenen Weibchen, gefolgt von den noch nicht ausgereiften Männchen und schließlich von jenen Kühen, deren Kälber groß genug waren, um ihre erste Wanderung durchzustehen. Im Vergleich zu den Polarmeeren gibt es in den tropischen Gewässern und auf den Wanderrouten wenig Nahrung, so dass die Wale auf ihrem Zug gen Süden nicht viel zu fressen fanden. Die Herde wusste, dass sie noch acht Wochen lang von der Energie würde zehren müssen, die in ihren Muskeln und ihrer Speckschicht eingespeichert war, bis sie die nahrungsreichen polaren Gewässer erreichte. Die Buckelwale hatten einen weiten Weg vor sich, doch schon ihre Vorfahren hatten ihn zurückgelegt, und so würde auch diese neue Generation dem alljährlichen Ritual folgen, durch das die Wale seit Urzeiten überlebt hatten.

Es war jetzt mehr als vier Wochen her, seit die Wale ihr Winterquartier in den Tropen verlassen hatten und in den Süden aufgebrochen waren. Die Herde war in guter Verfassung, denn die einzelnen Tiere halfen einander, damit keines zurückblieb. Das geschah auf die Weise, auf die sich die Buckelwale seit jeher verständigt hatten: durch ihren Gesang. Jede wandernde Herde hat ihr eigenes, unverwechselbares Lied, das alle ihre Mitglieder- mit geringfügigen Abweichungen- singen. Wie die Mütter mit ihren Kälbern, so verständigen sich auch die Männchen und Weibchen durch Gesang. Dies gab der Herde auf ihrer langen Reise in die arktischen Gewässer ein Gefühl von Sicherheit. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Wale schwammen weiter in Richtung Süden, durch eine immer rauere See.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, bekamen sie Probleme mit der Verständigung. Obwohl sie mit aller Kraft sangen, konnten sie einander immer schlechter hören. Einige der jüngeren Kälber gerieten in Panik, denn in dem aufgewühlten Wasser wurde es für sie immer schwerer, mit ihren Müttern in Kontakt zu bleiben. Und dann passierte es. Ein riesiger Öltanker, der dieselbe Route benutzte wie die Wale, fuhr mitten durch die Herde hindurch und löste ein schreckliches Chaos aus. Auf einmal wurde das Wasser trübe, und durch die Wassermassen, die der gewaltige Schiffsrumpf verdrängte, entstanden mächtige Wellen. Der Tanker trennte die Herde in zwei Teile und lies die Wale die Verbindung zueinander verlieren. Das Chaos hielt mehr als 10 Minuten an, während derer die Wale verzweifelt davon schwimmen, um einen Zusammenstoß mit dem Schiff zu vermeiden, der ihren sicheren Tod bedeutet hätte. Schließlich lies das riesige Schiff die Herde hinter sich, ohne auch nur zu bemerken, was für einen Schaden es angerichtet hatte.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Herde nach diesem traumatischen Erlebnis ihre Ruhe wieder gefunden hatte. Die größten Männchen begannen nach den anderen zu suchen und die Herde wieder zu vereinigen. Im Dunkel der Nacht half Ihnen nur ihr Gesang, einander wieder zu finden. Das Leittier der Herde, ein 25 Tonnen schwerer Koloss, versammelte die anderen um sich und rief sie mit Namen auf. Es waren alle da. Aber dann hörte der alte Bulle eine der Kühe verzweifelt brüllen. Sie konnte ihr kalb nicht finden. Sofort begannen die anderen Wale fieberhaft nach dem verloren gegangenen Jungen zu suchen, aber ohne Erfolg. Schließlich kamen sie stumm wieder zusammen und begannen alle gemeinsam so laut wie möglich zu singen, um dem verirrten Kalb den Weg zu weisen.

Der Vorfall lag schon zwei Tage zurück, doch von dem verloren gegangenen Kalb war immer noch nichts zu sehen oder zu hören. Weil sie sich so angestrengt hatten, um es zu rufen, wurden die übrigen Wale allmählich schwach. Doch der alte Bulle wusste, dass die Lage kritisch war. Sie konnten nicht dort bleiben, wo sie waren, durften nicht weiter an Gewicht verlieren und noch schwächer werden, denn dann würden sie es nicht mehr bis in die antarktischen Gewässer schaffen, wo sie dank dem Überfluss an Krill ihre Kraftreserven wieder auffüllen können. So versammelte er die Herde um sich und sagte:“ Liebe Freunde, etwas Tragisches ist geschehen und trotz aller Anstrengungen haben wir unseren Freund nicht wieder gefunden. Aber wir müssen weiter gen Süden ziehen, oder wir werden alle untergehen. Es ist das Gesetz der Natur, und wir müssen ihm folgen. Beten wir dafür, dass das verirrte Kalb seinen Weg finden möge.“ Und an die unglückliche Mutter gewandt, fügte er hinzu:“ Es tut mir leid, aber wir können nichts ande-res tun. Wir müssen unsere Wanderung fortsetzen.“ Die Mutter senkte den Kopf. Sie wusste, dass die Herde weiter ziehen musste, denn sie brauchten einander. In einem letzten verzweifelten Versuch ihr Kalb zu finden, tauchte sie noch einmal empor, doch sie sah nur die unendliche Weite der leeren, ruhigen Oberfläche des Ozeans.

Der Rest der Herde war bereits in Richtung Süden aufgebrochen. Sie vergoss noch ein paar Tränen und beeilte sich dann, die anderen einzuholen. Mehrere hundert Kilometer von der Herde entfernt trieb einsam und verlassen ein schwaches, ver-ängstigtes Kalb. Als das gewaltige Schiff durch die Gruppe gefahren war, hatte der zu Tode erschrockene kleine Bulle nach Norden davon schwimmen müssen, um der Schiffsschraube auszuweichen und nicht auf grausame Weise ums Leben zu kommen. Das schlimmste war jedoch gewesen, dass er durch die vom Tanker verdrängten Wassermassen hin und her geworfen worden war und leicht das Heck gerammt hatte. Dadurch hatte er für eine Weile den Orientierungssinn verloren. In seiner Panik war er immer weiter vom Tanker weg geschwommen. Damit hatte er sich jedoch mehr und mehr von der Herde entfernt, und weil auch seine Sinne in Mitleidenschaft gezogen worden waren, hörte er die anderen nicht rufen. Je schneller er schwamm, um seine Mutter zu finden, desto weiter entfernte er sich von der Herde. Und jetzt, nachdem die ganze Anspannung der Katastrophe abgeklungen war, hatte er nicht die leiseste Ahnung, wo er sich befand. Er tauchte auf und sah nur die unendliche Weite des Ozeans- nichts, was ihm gezeigt hätte, welche Richtung er hätte einschlagen müssen, um in den Schoß seiner Herde zurückzufinden.

Zwei Tage und zwei Nächte vergingen. Der wehrlose kleine Wal fühlte sich völlig verloren und hatte furchtbare Angst. Was soll ich machen? dachte er. Er wurde allmählich schwächer, und bei jedem Auftauchen spürte er, wie seine Kräfte schwanden. Darum blieb er schließlich langsam atmend an der Oberfläche, voller Angst und so einsam wie nie zuvor. Er versuchte zu singen, wie seine Mutter es ihn gelehrt hatte, in der Hoffnung, dass jemand aus der Herde ihn hören würde. Doch die Herde war weit, weit weg. Vor lauter Traurigkeit hatte der kleine Wal gar nicht gemerkt, dass er in der dunklen Nacht in seichtes Wasser geraten war, über Felsen, die direkt unter der Meeresfläche lagen. Auf diesen, direkt unter ihm, saß eine Kolonie von Seesternen, die den Wal und seinen traurigen Gesang bemerkt hatten. Einer der Seesterne näherte sich dem kleinen Wal. „Was machst Du hier so allein?“ fragte er. „Wer bist Du?“ fragte der Wal. „Ich bin ein kleiner Seestern, und ich habe dich singen hören.“ Der kleine Wal vergoss ein paar Tränen.“ Ich habe mich verirrt“, sagte er. „Ich war mit meiner Mutter und meiner Herde auf der Wanderung, als so ein Riesending uns fast umgebracht hätte. Ich hatte solche Angst, dass ich so schnell ich konnte von dem grässlichen Monster weg geschwommen bin, aber nach einer Weile habe ich gemerkt, dass ich mich verirrt hatte. Ich konnte die anderen nicht mehr finden.“ „Weißt du denn, wohin sie wollten?“ fragte der Seestern. „Ja und nein. Ich bin in den Tropen, und ir-gendwann hat meine Mutter zu mir gesagt, es sei Zeit, in kältere Gewässer zu ziehen, wo es Nahrung im Überfluss gibt.“ „In kältere Gewässer?“ „Ja“, erwiderte der kleine Wal. Das muss das südliche Eismeer sein, dachte der Seestern. Er sah das schwache, verängstigte, einsame Kalb an und sagte: „Ich bin gleich wieder da. Warte auf mich! Ich werde dir helfen, deine Herde wieder zu finden.“

Der Seestern kehrte auf die Felsen zurück, wo sich die anderen Seesterne versammelten. „Ich muss euch verlassen“, sagte er. „Wohin willst du denn?“ fragten sie. „Ich werde dem kleinen Wal helfen, nach Hause zu finden.“ „Du Dummkopf, du wirst sterben, wenn du in kältere Gewässer kommst.“ Doch der Seestern sprach zu seinen Freunden:“ Ich weiß. Ich bin alt und müde. Ich habe ein wundervolles Leben gehabt, mich mehrmals gepaart und alles getan, was ein Seestern in seinem Leben tun soll. Jetzt werde ich noch etwas Besonderes tun, und das wird den letzten Wochen meines Lebens einen Sinn geben.“ Mit diesen Worten löste er sich von dem Felsen und lies sich auf den kleinen Wal zutreiben. Sanft saugte er sich mit seinen Füßen an dem Wal fest. „Was machst Du da?“ fragte der kleine Wal. „Verschwenden wir keine Zeit!“ sagte der Seestern. Er kletterte an der weichen Haut des Wals entlang, bis er oben auf seinem Kopf saß, neben dem Blasloch. Er sah zum Himmel hinauf. Tausend Sterne funkelten in der wunderbaren klaren Nacht. Die Milchstraße und alle Sternenbilder waren in ihrer ganzen Schönheit zu sehen. Aber der Seestern suchte nach viel bestimmten Sternen. Schließlich fand er sie. „Siehst du oben diese vier Sterne, die ein Kreuz bilden? Gleich links neben dem besonders hellen Stern“. Mit der Spitze eines seiner Arme wies er auf die Sterne. Der kleine Wal starrte eine Weile an den Himmel. „Ich sehe sie“, sagte er. „Gut!“ sagte der Seestern. „Diese Sterne zeigen Dir, wohin du schwimmen musst. Folge diesen Sternen, und Du wirst deine Familie wieder finden.“ „Bist du sicher“? „Ja“ sagte der Seestern. „Und zwar jede Nacht, egal ob früh oder spät und in welcher Jahreszeit!“ Der kleine Wal lächelte. „Danke“, sagte er. „Glaubst du, dass ich meine Herde wieder finden werde?“ „Na-türlich“ sagte der Seestern. „Und ich begleite dich“. „Und was ist mit deiner Familie?“ fragte der Wal? „Werden sie dich nicht vermissen?“ „Ich habe keine Familie mehr“, sagte der Seestern. „ Sie sind alle gestorben, so wie das, das euch begegnet ist, etwas Grässliches ausgekippt hat: Das hat alles Leben auf unseren felsen zerstört. Außer mir hat keiner überlebt.“

Drei Wochen lang ließen sich der Seestern und der kleine Wal vom Kreuz des Südens leiten, das hoch am Nachthimmel strahlte. Der kleine Wal war jetzt wirklich sehr schwach und kurz davor aufzugeben. Das Wasser wurde immer kälter, und die Nächte immer kürzer, denn im Süden stand der Sommer bevor. „Ich glaube, ich schaffe es nicht, Seestern“, sagte der kleine Wal. „Oh doch, du schaffst es“, sagte der Seestern. “Zusammen werden wir es schaffen. Deine Herde kann nicht mehr weit entfernt sein. Gib nicht auf!“ Der kleine Wal schwamm weiter, aber er wurde immer langsamer. Er hatte fast keine Kraft mehr, und da von der Speckschicht, die ihn gegen das eiskalte Wasser schützte, nicht mehr viel übrig war, wurde sein Körper allmählich taub. Ich werde es nicht schaffen, dachte er. Auf einmal hielt er inne. Er meinte etwas gehört zu haben und verharrte reglos lauschend. Einige Zeit verging- dann hörte er es erneut. Er vernahm ein Stöhnen, Grunzen, Piepsen und Pfeifen. Das war das Lied seiner Herde. Da fing er selbst an zu singen, versuchte Kontakt mit ihr aufzunehmen. Er sang mehrer Stunden lang, ohne eine Antwort zu bekommen. Völlig erschöpft verstummte er schließlich und wartete auf den Tod.

Sie kamen am Morgen, zwei kräftige Männchen und ein Weibchen. Sie sahen den kleinen Wal an der Oberfläche treiben. Das Schlimmste befürchtend, schwamm das Weibchen heran. Es berührte den kleinen Wal sanft mit der Flosse, und er wachte auf. „Mama!“ „Ja, ich bin es“, sagte sie. „Ich freue mich so, dich zu sehen! Ich dachte, du wärest tot!“ Dann beugte sie sich zu ihrem Kalb hin, damit es soviel Milch trinken konnte, wie es brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen. Nach einer Weile fühlte der kleine Wal sich wieder stärker und lebendiger. „Der Seestern hat mir das leben gerettet“, sagte er.“ Danke, Seestern. - Seestern????“ Die Mutter starrte den Seestern an, der auf dem Kopf des kleinen Wales saß. „Er ist tot, mein Sohn“, sagte sie. „In dem kalten Wasser hier kann er nicht leben.“ „Warum ist er dann mitgekommen?“ „Er fand es wohl wichtiger, dein Leben zu retten als sein eigenes.“ Der kleine Wal hob den Seestern mit seiner Schwanzflosse liebevoll in die Höhe. „Danke mein Freund“, sagte er. „Ich werde dich niemals vergessen.“ „Es ist Zeit zurück zu schwimmen“, sagte eines der Männchen. Der kleine Wal sah den Seestern noch ein letztes Mal an, dann ließ er ihn langsam auf den Meeresgrund sinken. Er schwamm zu seiner Mutter, und alle vier wandten sich in Richtung Süden, wo die Herde ihre Futtergründe gefunden hatte. In jener Nacht geschah etwas Merkwürdiges. Als das Kreuz des Südens am Himmel erschien, hatte es nicht nur vier Sterne sondern fünf. Mit diesen Worten endet diese Geschichte. Der kleine Buckelwal sah noch einmal zum Kreuz des Südens hinauf. Der fünfte Stern leuchtete schwächer als die anderen, aber auf einmal erschien er ihm strahlend hell. „Es ist, als hätte das Kreuz ein Herz“, sagte der kleine Wal. „Ja“, sagte die Mutter. „Jetzt hat es ein Herz.“

 

aus:

Sergio Bambaren, DIE ZEIT DER STERNSCHNUPPEN (c) der deutschen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2004)

Mit freundlicher Genehmigung der Piper Verlags GmbH 

 

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